Schumacher wird den Weltstars gerecht
(von Cornelia Bremer)
Gaggenau. „Ich finde, da würde noch ein G7 dazwischen passen”, stellt Leonard Herz fest und gibt Anweisungen, wie die Akkordfolge in welcher Tonlage klingen sollte. „Wir haben bisher echt wenig Adele gespielt”, wirft Gitarrist Hendrik Rekers ein. Noch sind es rund sechs Stunden, bevor der Auftritt der fünf Musiker im Klag beginnt. Auf den Tischen vor der Bühne stehen belegte Brötchen und eine Schale mit Obst. Alle sind erstaunlich ruhig und vor allem hoch konzentriert.
Die meisten Mitglieder der Band kannten sich vor der Probe noch gar nicht und als völlig talentfreier Musiker kann man gar nicht glauben, wie das Zusammenspiel in wenigen Stunden funktionieren soll. Doch dann setzt das Piano ein, das Schlagzeug kommt hinzu und Argentina Schumacher setzt mit ihrer Stimme mitten im Lied „Easy On Me” ein und trifft den Ton haargenau. Ein Gänsehautmoment und die Gewissheit: Die fünf Musiker sind Vollprofis und wissen sehr genau, was sie tun.
Es ist der erste und vermutlich auch einzige Auftritt der Band in dieser Zusammensetzung und genau darin liegt der Reiz von Collectivity, einem Musikprojekt, das vor genau einem Jahr von Leonard Herz, Alexander Krieg, Clara Vetter und Max Treutner in Zusammenarbeit mit dem „Runden Tisch” des Kulturbüros Gaggenau aus der Taufe gehoben wurde. Die Gründer von Collectivity kommen alle aus dem Murgtal, doch die unterschiedlichen Gäste, mit denen zusammengearbeitet wird, sind international.
Der Auftritt, für den hier gerade geprobt wird, firmiert unter „GagAdele” - die Zusammenführung von Lady Gaga und Adele, zwei Weltstars, deren Songs im Radio rauf und runtergespielt werden - und zwei Künstlerinnen, die einen großen Stimmumfang über mehrere Oktaven haben. Es ist eine mutige Entscheidung, ausgerechnet die beiden in einer völlig unbekannten Bandzusammensetzung auf der Bühne umsetzen zu wollen.
„Darin liegt ja der Reiz des Projekts”, so Leonard Herz. „Man weiß nie so genau, was passieren wird”, fügt er an. Mal seien Songs länger, mal auch kürzer - das Projekt überrasche sich selbst immer wieder aufs Neue.
Argentina Schumacher ist Vollblutmusikerin und erläutert ihre Entscheidung, Lady Gaga und Adele mit Collectivity bühnenreif zu machen. „Ich habe so oft Sachen für andere gemacht. Jetzt wollte ich etwas für mich tun”, erklärt sie. Schumacher ist Gesangslehrerin und gemeinsam mit ihrem Ehemann betreibt sie die Musikschmiede in Gaggenau. Sie selbst unterrichtet Gesang, spielt aber auch zahlreiche Instrumente.
Die Band, die am Abend ihre Feuertaufe überstehen will, besteht aus Leon Kappenberger am Schlagzeug, Carola Herz am Saxofon, Leonard Herz am Piano, Gitarrist Hendrik Rekers und eben Argentina Schumacher als Frontfrau des Auftritts. Am Abend ist das Klag beinahe ausverkauft. Die fünf Musiker kommen auf die Bühne und was dann passiert, ist unglaublich. Die Proben waren wie ein Herantasten an den anderen. Zaghaft haben sie sich eingespielt, ausgelotet, welches Solo wann am besten ist, ein ständiges Anspielen und Ansingen, nur um gleich wieder eine neue Idee einfließen zu lassen. Jetzt sind alle eins.
Argentina Schumachers Stimme lässt vergessen, dass es weder Lady Gaga noch Adele ist, die da vom Paparazzi und einer schlechten Romanze singt. Sie taucht ein in jede Note, ihre Stimme hält jeden Ton, sie geht auf die Improvisationen der anderen genauso ein, wie die Musiker sich auf ihre Spielerei mit den Akkorden einlassen. Das Publikum ist mucksmäuschenstill bis zum letzten Ton, bis zum letzten Erklingen des Pianos. Und der Lohn ist Applaus - lauter Applaus.
Es ist ein Festival an Ohrwürmern, die die Band nicht einfach nur covert und nicht imitiert. Es sind eigene Songs, ohne den Charakter des Originals zu verunstalten. Argentina Schumacher überzeugt mit einer Stimme, die das Publikum streichelt und im nächsten Moment explodiert. „GagAdele” ist ein Feuerwerk an Leidenschaft. Und das trifft nicht nur auf den Gesang zu. Jeder der fünf bekommt Raum, sich zu entfalten, seine eigene Kraft zu versprühen.
Das Projekt Collectivity gastiert mit unterschiedlichen Künstlern und Programmen einmal im Monat, jeweils donnerstags, auf der Klag-Bühne. Und es ist immer überraschend. Professionalität trifft auf Improvisation - mal leise, mal laut, mal intensiv, mal sanft. Und bei „GagAdele” auf jeden Fall überzeugend und mitreißend.
Aus dem Winterschlaf erwacht
(von Joachim Eiermann)
Gaggenau. Wenn zwei Kunstgattungen aufeinanderprallen, ist Skepsis ange-bracht. In den 1980er-Jahren spielte plötzlich die Filmoptik eine maßgebliche Rolle, ob ein Musikstück das Zeug zum Hit hatte oder nicht. Bataillone von Tanzenden wurden in Bewegung versetzt, um Stars und Sternchen in den Videoclips zu umschmeicheln. Der Jazz ist für derlei Kommerz wenig verdächtig. Ein Jazzkonzert mit Tänzerin, wie es jetzt bei der neuen „Collectivity"-Reihe zu erleben war, stellte für die klag-Bühne ein Novum dar. Das Publikum feierte das Experiment mit großem Applaus.
Saskia Hamala tanzt nicht, um der Musik vordergründig größere Wirkung zu verleihen. Clara Vetter am Flügel, Max Treutner (Saxofon, EWI) und Hans Fi-ckelscher (Schlagzeug, Perkussion) spielen nicht, um der Tänzerin nur einen Klangteppich auszurollen. Wie im Jazz üblich, bringen die Akteure ihre individuellen Stärken ein. Sie interagieren, um etwas Gemeinsames zu entwickeln.
„Jazz meets Impro-Tanz" lautet die Devise für ein genussvolles Gleiten durch die vier Jahreszeiten. Alles fließt. Vielfältige Jazz-Improvisationen korrespondieren mit den raumgreifenden Bewegungen der Tänzerin. Auf eine Choreografie hatte Saskia Hamala bewusst verzichtet zugunsten einer lebhaften Darstellung von „Frische und Spontani-tät", wie sie sagte. Auch gab es kein langes Proben. Die Ideen und Skizzen, über die sich die Vier zwischen Stuttgart und Gaggenau im Vorfeld per Telefon und Internet ausgetauscht hatten, fügten sie erst am Tag der Aufführung zu einem Ganzen zusammen: Zu einer Ode auf den Jahreslauf, die Natur und das Leben, zu dem die Aktrice erst allmählich aus dem Winterschlaf erwacht. Sie reckt und streckt sich, bevor sie sich sinnbildlich zur vollen Blüte entfaltet. Sie tanzt wild, artistisch, ausdrucksstark. Zuweilen zieht sie sich wie in ein Schneckenhaus zurück, getrieben von inneren Empfindungen und äußeren Ein-flüssen, die Assoziationen wecken. Zu spüren sind die Kraft des Frühlings, die quälende Hitze des Sommers und die Stürme im Herbst. Die Symbiose aus Musik und Tanz ist sinnlich und poetisch, zudem berührend, wenn sich Saskia Ha-mala im Winter ein wärmendes Licht ans Herz drückt. Von „April in Paris" über „Summertime" bis „Autumn Leaves" hielt das Great American Songbook die thematisch passenden Standards bereit. Zwei nicht minder inspirierende Vorlagen steuerte Hans Fickelscher aus eigener Feder für den Winter bei. Eine Produktion der Esslinger Tanzkompanie hatte die vier Akteure zusammengeführt und auf die Idee gebracht, dieses Projekt zu realisieren. Die klag-Reihe „Collectivity" scheint dafür wie prädestiniert. „Jeder Abend ist anders", hatte die städtische Kulturbü-roleiterin Angelika Schroth bei der Begrüßung als Besonderheit hervorgehoben. Am 11. April gibt's „Gröneberg", das Beste von Grönemeyer und Lindenberg in überraschenden Arrangements. Clara Vetter und Max Treutner sind wieder mit von der Partie.